30 Jahre Frauen und Suchtarbeit in der Frauentherapieeinrichtung Camille
Ich kämpfe dafür, dass die Lebensgeschichte und die Lebenssituation von allen Frauen sichtbar wird. Ich streite dafür, dass ihre Schmerzen und Verletzungen Gehör und Anerkennung finden, ihre Interessen und Bedürfnisse ernst genommen werden. Ich trete dafür ein, dass Frauen gerechte Unterstützung und die Förderung ihrer Lebensqualität erfahren.
Gertrud Umminger
Gründerin von Calla e.V. – zur Förderung der Lebensqualität von Frauen mit Suchtproblemen, macht Gewalt gegen Frauen sichtbar, entwickelt(e) Gegenstrategien und das Frauenprojekt Calla e.V. weiter
Frauen in (UN)Abhängigkeiten
In diesem BLOG rund um das Thema Frauen, Sucht, Trauma, Gewalt werde ich immer wieder Texte, Anregungen oder Erfahrungsberichte einstellen.
Mein erster Text hat das Thema „30 Jahre Frauen und Suchtarbeit in der Frauentherapieeinrichtung Camille.“
Mir war es als Gründerin vergönnt, 30 Jahre lang dieses Projekt zu begleiten und weiterzuentwickeln
Gertrud Umminger mit Blog
Frauen in (UN)Abhängigkeiten – Heute: 30 Jahre Frauen- und Suchtarbeit in der Frauentherapie Camille
Eingangsworte
Ich bin in diesem Jahr 50 Jahre in der Suchthilfe tätig. 1989 habe ich mit Kolleginnen den Verein Calla gegründet. Die Camille, unser erstes Projekt, wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Eine sehr bewegte Zeit begann, weil wir in Hessen lange keine Chance hatten, eine Fraueneinrichtung zu initiieren. Das Ganze war also mit vielen Tiefschlägen verbunden. Ich durfte zwei kleine Frauenprojekte durchführen, die keine große Durchschlagskraft besaßen. Sie hielten aber wenigstens das Thema in der Diskussion. Nur durch die hohe Anerkennung durch den damaligen Drogenbeauftragten und die ständig akzeptierende Auseinandersetzung fiel das Thema nicht ganz unter den Tisch. Mut und Auseinandersetzungsbereitschaft sowie auch die Akzeptanz von verletzenden Diskussionen gehören dazu. Immer wieder geht es um die grundlegende Fragestellung und immer neuem Handlungsbedarf. So ist es vielleicht nachvollziehbar, wie groß die Freude und auch der Stolz waren, als in diesem Ministerium an diesem Platz unser Projekt mit einem akzeptablen Finanzierungsvorschlag versehen wurde. Inzwischen waren einige Jahre vergangen und auch im Ministerium saßen Verantwortliche, die eine feministische Suchthilfeeinrichtung vertreten konnten und wollten.
Wie es anfing
1992. Der Verein war bereits gegründet. Der Eintrag in das Vereinsregister vollzogen. Die Gemeinnützigkeit erreicht.
Inzwischen war das Thema Frauenprojekte auch in Hessen aktuell geworden. Dazu hatten wir, die Frauenbewegten Frauen, sicher auch Entscheidendes beigetragen. Die Akzeptanz für die Einrichtung war sehr hoch. Die Drogenhilfeträger mischten sich in die aktuelle Konzeptionsdebatte ein. Damit war uns klar geworden, dass wir nun aktiv werden mussten. So gründeten wir die Konzeptionsgruppe. Jede Frau hatte den Auftrag, einen Teil dazu beizutragen. Daraus entstand ein Konzeptionsbuch, in dem die Inhalte für die Umsetzung des Projektes festgeschrieben wurden.
Wir hatten uns vorher auch schon bei den anderen vier bereits bestehenden feministischen Suchthilfeträgerinnen informiert und nahmen zu diesem Zeitpunkt auch schon an den regelmäßigen Treffen der bundesweit aktiven Gruppen für Feministische Suchtarbeit teil.
Die Besonderheit unseres Konzeptes bestand darin, dass die Frauen nachts nicht betreut wurden. d.h. es gab keine Nacht- und Wochenenddienste. Die Frauen waren in dieser Zeit als Gruppe für sich verantwortlich. Und auch als Gruppe gefordert. Eine weitere Besonderheit bestand darin, dass die Frauen sich von Anfang an nach außen orientieren, also auch an dem gesellschaftlichen Leben in Königstein und Umgebung teilhaben sollten. Eigenverantwortung war die große Überschrift. Dies führte schon sehr schnell zu Diskussionen. In der Fachwelt der Suchtberaterinnen und Suchttherapeuten war man der Meinung, dass das gar nicht gut gehen kann, sondern dass die Frauen rund um die Uhr betreut und kontrolliert werden sollten. Es hat sich jedoch sehr schnell gezeigt, dass dieses Konzept erfolgreich verlief. Die Frauen übernahmen die Verantwortung und am Wochenende zeigte die Gruppe großes Verständnis und gegenseitige Achtsamkeit füreinander.
Der Name des Projektes
Es wurde sehr schnell deutlich, dass als Vorbild und Namensgeberin für diese Arbeit Camille Claudel die Richtige war. Camille Claudel eine sehr talentierte und bekannte Bildhauerin in Paris. Sie ging ein Liebesverhältnis zu ihrem Lehrer Rodin ein. Als das Verhältnis von Camille Claudel beendet wurde, verfiel sie immer mehr in Einsamkeit, und, wie berichtet wurde, in Verwahrlosung und letztlich Verfolgungswahn. Sie wurde von ihrer Familie, die ihre Begabung nie wirklich akzeptierte, in einer Psychiatrie untergebracht. Camille Claudel gab sich persönlich auf. Sie arbeitete nicht mehr künstlerisch, und lehnte auch Ausstellungen ihrer Werke ab. Eine ihrer Begründungen war, dass ihre Werke neben Rodin immer von ihm unter seine Fittiche genommen würden, und dass er signalisierte, dass sie ihm zu verdanken seien und so auf seine Anerkennung zurückfielen. Auch bei ihrem Bruder, dem Philosophen und Dichter Paul Claudel hat sie um Anerkennung geworben, diese aber nicht gefunden.1
Unsere Botschaft war, den suchtmittelabhängigen Frauen zu signalisieren, dass es darum geht, das Eigene zu entdecken, sich selbst zu behaupten und diese Eigenständigkeit zu erhalten. Sie sollten Anerkennung bei sich selbst und den eigenen Aktivitäten suchen.
Königstein sollte der Ort unseres Wirkens werden
Die Suche nach einem Haus war eingeleitet. Angestrebt war Frankfurt oder Umgebung, um die Frauen nicht wie bisher üblich in Suchtprojekte auf die „grüne Wiese“ zu bringen. Andere Träger hatten sich schon im Umland nach Objekten umgeschaut. Wir hatten den Wunsch, dass das Projekt an einem Ort in der Nähe von Frankfurt angesiedelt sein sollte, damit die Frauen auch gelegentlich in die Stadt gehen konnten. Über das Drogenreferat der Stadt Frankfurt wurde uns ein Haus angeboten, das vorher ein Hotel gewesen war. Es zeigte sich sehr schnell, dass die Wahl gut war. Königstein ein Ort vor den Toren von Frankfurt mit guter Verkehrsanbindung. Ein Ort, an dem wir von den politisch Verantwortlichen und von der Stadtverwaltung willkommen geheißen wurden. Wie es uns gelungen ist, die Nachbarschaft und die „Königsteiner“ für das Projekt zu gewinnen und so als Mitbewohnerinnen am Leben in der Gemeinschaft der Stadt teilzunehmen, erzähle ich im Folgenden:
Aktivitäten in Königstein
Von Anfang an bestanden gute Kontakte zur Sozial– und Kulturverwaltung der Stadt Königstein. Damit war ein richtiger Schritt zur Integration in diese Stadt geleistet. Das Projekt wurde wahrgenommen und einbezogen. Wir nahmen an den regelmäßig stattfindenden Stadtfesten, Burgfesten, Weihnachtsmärkten oder auch Aktionen von anderen Gruppierungen teil. Immer auch mit einem eigenen Angebot, zum Beispiel Kinderschminken. Einmal im Monat haben wir in der Fußgängerzone selbst gebackene Waffeln zum Verkauf angeboten. Dieses Angebot hat sich bis vor der Corona-Zeit positiv etabliert. Die Frauen konnten damit sich und ihr Können zeigen sowie soziale Kontakte in die sogenannte Normalbevölkerung aufnehmen. Die „ Königsteiner“ konnten zur Kenntnis nehmen, dass in diesem Hause Frauen wohnen, die ein Leben in Normalität anstreben.
Der regelmäßige Waffelverkauf wurde durchaus als Bereicherung des Samstagslebens in Königstein gesehen.
Regelmäßig, d.h. mehrfach im Jahr, wurden im Kurhaus in Königstein Ausstellungen durchgeführt, wo einzelne Frauen ihre Werke zeigten.
Der Aufenthalt und das Leben in der Camille
Der Aufenthalt in der Frauentherapie Camille wurde für ein Jahr geplant. Es zeigte sich, dass es einen großen Bedarf gab, denn nach der Eröffnung war das Haus sehr schnell voll und es gab eine Warteliste. Der Tag war ausgefüllt mit Einzel- und Gruppentherapie sowie mit den Erledigungen von eingehender Post von Behörden, Versicherungen und Gerichten, darüber hinaus der Wahrnehmung von Behördenkontakten.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt war das alltägliche Leben. Als Bewohnerinnen bleibt den Frauen die Pflege ihres eigenen Zimmers (putzen und sonst in Ordnung halten) sowie auch die Pflege des bewohnten Hauses überlassen. In dem Haus waren keine Putzkräfte angestellt, sondern dies war die Aufgabe der Frauen. Dafür wurden jede Woche Dienste verteilt, die von den einzelnen Frauen wahrgenommen wurden. Außerdem haben immer zwei Bewohnerinnen den Kochdienst unter Anleitung von Mitarbeiterinnen übernommen. Dieser Teil der Aufgabenstellung sollte auch dazu dienen, dass die Frauen lernen, für sich selbst zu sorgen, alltägliche Lebensnotwendigkeiten durchzuführen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Nicht zuletzt ging es darum, Fertigkeiten des täglichen Lebens einzuüben. Der Lebensunterhalt wurde mit Hilfe zum Lebensunterhalt, später Hartz IV, bestritten. Es wurde immer ein kleiner Betrag in eine Gruppenkasse eingezahlt, damit gemeinsame Unternehmungen möglich wurden. Einmal im Monat war eine Gruppenaktivität verpflichtend. Wöchentlich machten die Frauen gemeinsam eine Freizeitplanung. Nicht zuletzt auch als Übung für eine Gestaltung von Freizeit und Lebenszeit
Als Rahmen für die Gemeinschaft wurden Regeln erstellt. Sie wurden gemeinsam von Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen erarbeitet. Geregelt wurden: Drogenverbote, Leben miteinander, Konsequenzen, Ausgänge. Die Regeln betrafen viele Lebensbereiche in intensiver Weise. Den Bewohnerinnen wurde auch eine Reihe von Rechten gewährt. So konnte jede auch jederzeit von einer anderen Frau eine Urinprobe verlangen, wenn sie den Verdacht hatte, dass eine Regel gebrochen worden war. Entscheidungen wurden immer im Konsensprinzip getroffen.
Dreimal in der Woche setzten sich die Frauen ohne Mitarbeiterinnen zu einem sogenannten Blitzlicht zusammen. Dadurch lernten die Bewohnerinnen sich untereinander sehr gut kennen und waren gefordert, miteinander und füreinander Verantwortung zu übernehmen.
Wer waren die abhängigen Frauen?
Die Frauen waren zwischen 18 und ca. 30 Jahren alt. Die Bewerberinnen waren eher jünger. Sie konsumierten vorher illegale Drogen (Heroin, Haschisch, Kokain und Extasy) Die Hauptdroge war Heroin. Alkohol spielte nur selten eine Rolle. Sie hatten zu Hause im privaten Raum konsumiert und auch Kontakt zur Drogenscene.
Das Leitbild
Das Leitbild enthält drei Schwerpunkte
1. Sucht macht Sinn. Das will zum Ausdruck bringen, dass für die Sinnhaftigkeit der Sucht im Kontext der eigenen Lebensgeschichte Verständnis besteht. Damit ist auch die Ausrichtung der Therapie auf die individuellen Belange zu stehen.
2. Feminismus Die Frauen werden als Expertinnen ihrer Entwicklungsprozesse verstanden. Die Mitarbeiterinnen geben Unterstützung für ein selbstbestimmtes Leben. Wir verstehen uns als Lobby für die Frauen mit Suchtproblemen.
3. Die Bewohnerinnengruppe als tragende Säule der Therapie. Gemeinsame Entscheidungsprozesse statt geschriebener Regeln und das Vertrauen in die Selbstregulierungsfähigkeiten der Gruppe sind die Grundpfeiler der Arbeit. Die Gruppe wird als soziales Netz während und nach der Therapie gesehen.2
Besondere Aktionen und öffentlichkeitswirksame Ergebnisse
Ein wichtiger Baustein war die Katamneseuntersuchung:
Dies bedeutet die Frage: „Gibt es eine Zukunft nach der Therapie“?
Das völlige Fehlen von statistischem Material frauenspezifischer Arbeit in der Drogenhilfe hat uns bewegt, eine derartige Untersuchung anzustreben.
Folgende Fragestellungen wurden untersucht: Unterscheiden sich abhängige Frauen, die sich für eine Therapie bei Camille entscheiden, von den Frauen, die in eine gemischtgeschlechtliche Einrichtung gehen? Erzielt Camille bessere Ergebnisse als die gemischtgeschlechtlichen Angebote? Indikationen hierfür sind die Haltequote, Zahl der planmäßigen Beendigung der Therapie und Drogenfreiheit, soziale Integration und Lebenszufriedenheit nach der Therapie. Wird die frauenspezifische Therapie von den Klientinnen angenommen und gewürdigt? Untersuchungszeitraum war von August 1992 bis Juni 1999. Es lagen Daten von 90 Bewohnerinnen vor.
Die Ergebnisse zeigten, dass die Frauen, die sich für eine Therapie bei Camille entscheiden, nicht auffallen und von denen unterscheiden, die in die nicht geschlechtliche Einrichtungen gehen. Lediglich beim Alter ist eine leichte Tendenz zu jüngeren Klientinnen bei Camille im Vergleich zu anderen Einrichtungen zu verzeichnen (Altersdurchschnitt bei Camille 26,9 Jahre). Interessant wären Vergleiche zu Themen wie Gesundheit und Gewalterfahrung gewesen. Hierfür lagen leider keine Vergleichsdaten vor. Es bleibt ein interessantes Feld für weitere Erhebungen. Die durchschnittliche Konsumzeit bei legalen und illegalen Drogen, vor allem Heroin und Kokain, liegt bei neun Jahren. Bei der Mehrzahl der Klientinnen liegt polyvalenter Drogenmissbrauch vor.
Die zweite Fragestellung konnte eindeutig beantwortet werden. Camille zeichnet sich durch eine hohe Haltequote aus. Von den ersten vier kritischen Monaten brechen bei Camille deutlich weniger Frauen ab als in Vergleichseinrichtungen, zwischen dem sechsten und dem zehnten Monat gibt es kaum Abbrüche.
48 % der 90 ehemaligen Klientinnen beendete die Therapie planmäßig. Fast dreiviertel der ehemaligen Klientinnen konsumierten durchschnittlich vier Jahre nach Ende der Therapie keine illegalen Drogen mehr. Berücksichtigt man nur die Klientinnen, welche die Therapie abgeschlossen haben, liegt dieser Wert bei 84 %. Es zeigen sich bei den Klientinnen deutliche Verbesserungen im Hinblick auf den Schutz des sozialen Raumes. Die meisten Frauen haben inzwischen drogenfreie Beziehungen und Freundeskreise. Die Wohnverhältnisse haben sich verbessert. Während vor der Therapie die Sozialhilfe die Haupteinnahmequelle war, verdienen Frauen durchschnittlich vier Jahre nach der Therapie ihren Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit. Keine der Frauen, die ihre Therapie bei Camille planmäßig abgeschlossen haben, ist im letzten halben Jahr vor der Befragung straffällig geworden. Im Rückblick wird die Zeit bei Camille und die Therapie von den Klientinnen überwiegend als sehr positiv bewertet. Die große Mehrheit würde Camille anderen drogenabhängigen Frauen weiterempfehlen. Hier wird eine hohe Akzeptanz unserer frauenspezifischen Therapie deutlich. Die Studie wurde im Sommer 2000 der Öffentlichkeit vorgestellt.
Ausstellung und Broschüre Sucht und Therapie
Die Fotografin Ursula Hillmann hat 2001 in der Frauentherapieeinrichtung Portraits von suchtmittelabhängigen Frauen gemacht. Gleichzeitig wurden auch die Orte gezeigt, an denen die Frauen vorher gelebt haben (Frankfurter Einrichtungen für Drogenabhängige im Bahnhofsgebiet). Ziel der Aktion war die Sichtbarmachung, das sich Hineinbegeben in eine neue Situation, das Aufzeigen der vergangenen Lebenswelten und der neuen Lebenswelten.
Die Schreibgruppe und die Malgruppe
Diese Gruppen wurden als kreative Herausforderung und Gegengewicht zum Verstummen durch die Sucht definiert. Schreiben wurde zum Medium, der Sehnsucht Flügel zu verleihen. Gemeinsam geschrieben wurde, um die Gefühle, Wünsche und Hoffnungen wahrzunehmen und nach außen zu tragen. Das Ergebnis waren mehrere Ausstellungen, und eine Broschüre mit Texten von Bewohnerinnen.3
Modellcharakter
An dieser Stelle soll auch noch einmal darauf hingewiesen werden, dass 1998 der Einrichtung der Status eines Modellcharakters zugesprochen wurde. Es war die einzige reine Fraueneinrichtung in Hessen und auch die Finanzierung war modellhaft, es gab nämlich drei Geldgeber (Hessisches Sozialministerium, Landeswohlfahrtsverband Hessen und die Stadt Frankfurt) finanzierten diese Einrichtung. Die Art der Betreuung wurde ebenfalls als modellhaft bezeichnet.
Die weitere Entwicklung
Der personenbezogene Blick auf unser Vorgehen machte schon sehr früh deutlich, dass Frauen schon in sehr jungem Alter in den Konsum einsteigen. Entweder werden sie sehr lange von der Familie mitgetragen oder sie verließen die Familie, um sich in einem waghalsigen, offenen und ungesicherten Lebenszusammenhang zu bewegen. Häufig schlossen sie sich einem männlichen Konsumenten an, der sie auch mit Drogen versorgte. Die Geldbeschaffungsquelle war häufig die Prostitution, sowohl im öffentlichen Raum, d.h. auf der Straße, oder bei einem sogenannten Sozialfreier, was bedeutete, das für sexuelle Handlungen Wohnung, Unterkunft und Verpflegung gewährt wurde. In der Szene wurde dies als positiv bewertet, weil es dadurch weniger zu Straffälligkeit und Gefängnisaufenthalten kam. Den Gewalterfahrungen, sowohl in der Kindheit und Vergangenheit, als auch den Erfahrungen in der aktuellen Situation wurde wenig Aufmerksamkeit beigemessen. Diese Haltung wurde weitgehend auch von der professionellen Berater- und Therapiewelt geteilt.
In den Achtzigern und der Folgezeit wurden Gewalt und deren Auswirkungen immer mehr zum Thema. Es wurden Hilfekonzepte entwickelt. In die Suchthilfe fanden sie allerdings nur schleppend Eingang. Eine amerikanische Studie, die zeigte, dass 80 % der suchtmittelabhängigen Frauen Missbrauchserfahrungen hatten, wurde in Deutschland nicht anerkannt. Es ist sicher nicht polemisierend festzustellen, dass dies auch dadurch bedingt ist, dass die Suchthilfe in den Leitungsstrukturen männlich dominiert war. Eine weitere Rolle spielte die Abgrenzung von der Medizin. Sie sollte keinen Platz in der Drogenhilfe bekommen. Der Schrecken der Medizinierung schwebte im Raum. Personen, die mit sogenannten psychiatrischen Medikamenten behandelt wurden, sind für eine Aufnahme in einer stationären Therapieeinrichtung abgelehnt worden.
Um die sogenannte Jahrtausendwende wurden diese Widerstände aufgebrochen. Aber auch hier leisteten die Frauen wichtige Vorarbeit. Innerhalb der Frauenarbeitskreise waren theoretische Auseinandersetzungen mit der Komorbidität im Programm.
Die Frauentherapie Camille hat dem durch eine Neukonzeptionierung Rechnung getragen.
Das Konzept Betreuung und Therapie für suchtmittelabhängige Frauen mit zusätzlichen psychiatrischen Störungen fand 2008 Eingang.
Ein Teil des Konsensprinzips fiel weg. Die Kosten wurden auch von den Geldgebern nicht mehr mitgetragen. Personen- und Ressourcenorientierung waren jedoch inzwischen große Themen.
Teilhabe und Inklusion waren jetzt praktizierte fachliche Themen. Diese wurden bei uns schon von Anfang an praktiziert.
Die Konzeption
Camille ist ein Angebot für Frauen, die eine geschlechtsbezogene Reflexion ihrer Situation anstreben und die Raum, Schutz und Unterstützung bezogen auf individuelle Entfaltungsmöglichkeiten für ein drogenfreies selbstbestimmtes Leben suchen. Das Erkennen und Aktivieren der eigenen Ressourcen und die Entwicklung von neuen Strategien im Umgang mit der Erkrankung sowie die Zukunftsorientierung stehen dabei im Vordergrund.
Alle Frauen, die aufgenommen werden, haben eine Doppeldiagnose, d.h. Borderline-Persönlichkeitsstörung, Depressionen, Trauma-Folgestörungen, posttraumatische Belastungsstörung.
Die Arbeit an der Suchtmittelabhängigkeit als auch an den anderen psychiatrischen Störungen ist sowohl für die Mitarbeiterinnen als auch für die Bewohnerinnen eine sehr hohe Herausforderung. Weitere Probleme sind häufig noch gerichtlicher Druck oder hohe Verschuldung, auch Wohnungslosigkeit.
Hinzu kommt noch, dass in der Vergangenheit schwerwiegende Probleme mit Drogenkonsum häufig mit der Droge selbst behandelt wurden, d.h. das Mittel wurde benutzt, um abzuschalten. Das Ziel sollte eigentlich sein, diesen Kreislauf zu unterbrechen, und Lösungen anzugehen.
Es kommt darauf an, beiden Erkrankungen gerecht zu werden. Die Suchterkrankung als solche verlangt eine konsequente Auseinandersetzung, die Auseinandersetzung mit den psychiatrischen Störungen blockiert durch Lähmungen, dissoziative Störungen und Reizüberflutung. Für beides ist der geschützte Rahmen, der die tägliche anstrengende Auseinandersetzung sieht und berücksichtigt, eine wichtige Grundlage.
Es ist nicht übertrieben von Schwerstarbeit zu sprechen.
Der Unterschied zu dem bisherigen Konzept ist, dass die Auseinandersetzung mit den eigenen Traumatisierungen zusätzlich angeboten wird, was aber für die Betroffenen sehr anstrengend ist.
Erwähnt werden soll auch, dass die Camille als erste Einrichtung im Rhein-Main-Gebiet Alkohol- und Drogenabhängige gemeinsam aufgenommen hat. Der Verweis ging immer dahin, dass das Problem Sucht heißt und die besondere Stellung der Gruppen keine Rolle spielt.
Dass die Frauen das Haus selbst bewirtschaften und dass auch immer zwei Frauen für die Essenszubereitung zuständig sind, das bedeutet eine hohe Herausforderung, aber zugleich eine lebenspraktische Unterstützung und Hilfe. Hier ist es möglich, Erfahrungen mit Strukturierung zu sammeln und die Einübung in Planung und Essenszubereitung zu erarbeiten.
Sozialarbeiterinnen unterstützen bei der Sicherung des Lebensunterhaltes, bei Fragen der Krankenversicherung und Schuldenregulierung, bei Klärung von Problemen mit dem Jugendamt zum Beispiel gegenüber den eigenen Kindern.
In der therapeutischen Arbeit sind die gängigen Methoden MDR Trauma-Arbeit, dbt und dbt-Sucht (dialektisch Behavioral Therapie) und eventuell auch Hypnotherapie sehr hilfreich.
Es hat sich gezeigt, dass die Erweiterung um die Arbeit mit den psychiatrischen Störungen ein wichtiger Schritt war und dass für die betroffenen Frauen eine wichtige Tür geöffnet wurde.
Schlussbemerkung
Diese Darstellung zeigt, dass das Projekt immer in Bewegung war. Konzeptionelle Veränderungen wurden immer neu überdacht und überarbeitet. Die Auseinandersetzung und der Austausch mit den Bewohnerinnen nahm immer einen großen Raum ein. Nach wie vor ist er ein wichtiger Bestandteil im Rahmen des Zusammenlebens.
Die Identifikation mit der Erarbeitung einer neuen Lebensperspektive und der Suche nach einer neuen Heimat war wichtig. Wenn wir davon sprechen, dass Frauen Wurzeln und Flügel brauchen, dann stellt sich die Frage, wie Wurzeln erarbeitet werden können. Es erscheint so, dass Frauen wieder mehr und neu ermuntert werden sollten oder müssten, sich auf ihre eigenen Werte zu besinnen. Der Trend zu mehr Individualität, und Verabschiedung von der Normalbiografie sollte ein neuer Schritt sein. Konzepte, die diesem Trend gerecht werden, die Frauen nicht in erster Linie als Hilfsbedürftige einzuordnen, bedeuten eine neue Herausforderung, ja Selbstbestimmtheit. Hinweise auf Copingmöglichkeiten erscheinen hier unabdingbar.
Der Leitsatz von der Welt des Konsums in die therapeutische Gemeinschaft kann verbunden werden mit der Überschrift: Ein Leben ohne Drogen bereitet Lust und macht Sinn.
Heute geht es darum, sowohl zurückzublicken als auch nach vorne zu schauen. Mir persönlich ist es wichtig, einen Teil meiner Erfahrungen einzubringen und auszuwerten. Frauensuchtarbeit kritisch zu betrachten und an ihrer Weiterentwicklung zu arbeiten, ist für mich ein wichtiger Grundsatz. Jede einzelne Frau ist wichtig und Suchtarbeit verdient die Anerkennung als würdevolle Arbeit.
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